Geschichte des Westfalenstadions: Vom Arbeiterstadion zum Fußballtempel

Von Redaktion BLiga

Es gibt Orte, die über sich selbst hinauswachsen und zu Symbolen werden. Das Westfalenstadion in Dortmund — heute offiziell Signal Iduna Park — ist solch ein Ort. Wer hier zum ersten Mal die Treppen aus dem Untergeschoss nach oben geht und das Grün des Rasens und das Schwarz-Gelb der Tribünen erblickt, versteht sofort, warum dieses Stadion auf vielen Listen als eines der besten der Welt geführt wird.

Doch die Geschichte dieses Bauwerks ist mehr als die Geschichte eines Fußballstadions. Es ist die Geschichte einer Stadt, ihrer Menschen und ihrer Transformation.

Die Anfänge: Fußball im Industriezeitalter

Lange bevor das Westfalenstadion gebaut wurde, spielten die Fußballer Dortmunds auf deutlich bescheideneren Plätzen. Das Stadion Rote Erde, unmittelbar neben dem späteren Westfalenstadion gelegen, war jahrzehntelang die Heimstätte des Vereins. Es entstand in den 1920er-Jahren und fasste in seiner Blütezeit rund 40.000 Zuschauer — für die damalige Zeit ein beachtliches Fassungsvermögen.

Das Stadion Rote Erde trägt seinen Namen von dem rötlichen Schlackenboden, der in den Gründungsjahren charakteristisch für die industriell geprägten Freiflächen des Ruhrgebiets war. Diese Schlacke war ein Nebenprodukt der Stahlindustrie — symbolisch für eine Zeit, in der Fußball und Arbeitswelt in Dortmund untrennbar verbunden waren.

Mit dem Wachstum des Vereins und dem steigenden Zuschauerzuspruch in den Nachkriegsjahren wurde klar, dass ein neues, größeres Stadion benötigt wurde. Die Planung begann in den späten 1960er-Jahren.

Der Bau: Weltmeisterschaft als Katalysator

Der eigentliche Auslöser für den Bau des Westfalenstadions war die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 an die Bundesrepublik Deutschland. Deutschland benötigte moderne, leistungsfähige Spielstätten, und Dortmund war als Austragungsort eingeplant.

Der Bau begann 1971, das Stadion wurde am 2. April 1974 eingeweiht — knapp drei Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft. Die Baukosten betrugen damals 33 Millionen Deutsche Mark. Mit einem Fassungsvermögen von 54.000 Plätzen war es eines der größten Stadien in Deutschland.

Die WM 1974

Bei der Weltmeisterschaft 1974 fanden im Westfalenstadion fünf Spiele statt, darunter das legendäre Gruppenspiel zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland — das bis heute einzige Pflichtspiel zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR gewann mit 1:0. Das Spiel wurde von der Stasi akribisch überwacht, Jubel für die DDR war in einem westdeutschen Stadion eine politische Aussage.

Dieses Spiel, seine historische Einbettung und die Atmosphäre im Stadion sind Teil der größeren Geschichte des deutschen Nachkriegsfußballs.

Die 1980er und 1990er: Wachstum und Modernisierung

In den 1980er Jahren wurden erste Erweiterungen vorgenommen. Die Stehplatztribünen wurden ausgebaut, die Infrastruktur modernisiert. Das Stadion wuchs auf über 60.000 Plätze.

Den entscheidenden Schritt machte das Westfalenstadion jedoch in den 1990er Jahren. Mit dem sportlichen Aufschwung des Vereins — Meisterschaften 1995 und 1996, Champions-League-Sieg 1997 — stieg auch der Bedarf nach einer erstklassigen Spielstätte. Zwischen 1992 und 1995 wurde das Stadion grundlegend umgebaut.

Der Umbau zur modernen Arena

Der Umbau der 1990er Jahre war eine architektonische Leistung. Die offenen Ecken wurden geschlossen, die Dächer erweitert. Das neue Design schuf eine geschlossene Atmosphäre, die den Lärm der Fans im Stadion hält und verstärkt. Dieser akustische Effekt ist bis heute einer der Gründe, warum das Westfalenstadion als eines der lautesten der Welt gilt.

Die Kapazität stieg auf 68.600 Plätze, davon 25.000 Stehplätze auf der Südtribüne — der berühmten “Gelben Wand”.

Die Gelbe Wand: Ein Phänomen

Die Südtribüne des Westfalenstadions hat internationale Bekanntheit erlangt und wird unter Fußballfans weltweit schlicht als “Die Gelbe Wand” bezeichnet. Es ist die größte Stehplatztribüne Europas und fasst bei Bundesligaspielen 25.000 Menschen — bei Europacupspielen, wo Stehplätze nicht erlaubt sind, reduziert sich die Kapazität dieser Tribüne auf etwa 10.000 Sitzplätze.

Was diese Tribüne ausmacht, ist nicht nur ihre Größe. Es ist die Art, wie die Fans dort interagieren. Stimmungsführer, Trommeln, Gesänge und choreografierte Aktionen erzeugen eine Energie, die das Spiel auf dem Feld beeinflusst. Heimmannschaften haben hier einen messbaren Vorteil — die Dezibel-Zahl allein schüchtert ein.

Vielen internationalen Fußballfans gilt ein Besuch auf der Gelben Wand als Pflicht — eine “Bucket List”-Erfahrung des europäischen Fußballs. Die Fußballkultur in Dortmund wäre ohne dieses Herzstück nicht denkbar.

Die WM 2006: Deutschland als Gastgeber

Über 30 Jahre nach der Premiere hatte das Westfalenstadion erneut die Chance, sich bei einer Weltmeisterschaft zu beweisen. Deutschland war Gastgeber der WM 2006 — jenem Turnier, das als “Sommermärchen” in die kollektive Erinnerung der Deutschen eingegangen ist.

Bis 2006 war das Stadion auf eine Kapazität von 83.200 Plätzen ausgebaut worden — allerdings mit dem Umbau aller Stehplätze zu Sitzplätzen gemäß FIFA-Anforderungen. Das machte es kurzfristig zum größten Fußballstadion Deutschlands.

In Dortmund fanden sechs WM-Spiele statt, darunter das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien. Dieses Spiel wurde zu einem der dramatischsten der gesamten Weltmeisterschaft: Deutschland verlor 0:2 durch zwei späte Tore von Fabio Grosso und Alessandro Del Piero — ein Ergebnis, das das Ende der deutschen Hoffnungen auf den Heimweltmeistertitel bedeutete.

Das Stadion als Bühne

Die WM 2006 zeigte die Stärke des Westfalenstadions als Veranstaltungsort auch für Spieltage, an denen Dortmund nicht spielte. Neutrale Zuschauer aus aller Welt waren begeistert von der Infrastruktur, der Logistik und der Atmosphäre — auch ohne die Heimfans, die das Stadion normalerweise füllen.

Signal Iduna Park: Der Namensrechtevertrag

Im Jahr 2005 schloss der Verein einen Sponsoringvertrag mit dem Versicherungskonzern Signal Iduna. Seitdem heißt das Stadion offiziell Signal Iduna Park — obwohl viele Fans, besonders ältere, weiterhin von “Westfalenstadion” sprechen.

Diese Namensdiskussion ist in Deutschland verbreitet: Viele Vereine haben ihre Stadionnamen an Sponsoren verkauft, und die Fangemeinden halten oft an den traditionellen Bezeichnungen fest. In Dortmund ist die Debatte allerdings entspannter als anderswo — der Name “Signal Iduna Park” hat sich weitgehend durchgesetzt.

Der Vertrag wird regelmäßig verlängert und bringt dem Verein jährlich einen erheblichen Betrag für Namensrechte. Diese Einnahmen sind ein wichtiger Teil des Finanzierungsmodells moderner Profivereine.

Kapazitätsrekorde und besondere Abende

Das Signal Iduna Park hat im Laufe seiner Geschichte einige besondere Momente erlebt:

Champions-League-Atmosphären: In der Champions-League-Saison 2011/12 und 2012/13, als Dortmund unter Jürgen Klopp Europas Aufmerksamkeit auf sich zog, erlebte das Stadion seine intensivsten europäischen Abende. Das Halbfinale 2013 gegen Real Madrid mit einer 4:1-Führung nach dem Hinspiel zählt zu den emotionalsten Nächten in der Geschichte des Stadions.

Rekordkulisse: Mit dem Umbau von Steh- zu Sitzplätzen für Europapokalspiele variiert die offizielle Kapazität. Bei Bundesligaspielen liegt sie bei 81.365 Plätzen, was das Stadion zum größten in Deutschland macht. Bei voller Besetzung — was bei Top-Spielen regelmäßig der Fall ist — ist die Atmosphäre einzigartig.

Konzerte: Das Stadion wird auch außerhalb der Fußballsaison genutzt. Internationale Musikkünstler wie die Rolling Stones, U2 und AC/DC haben hier gespielt — jedes Mal vor ausverkauftem Haus.

Architektur und Design

Das aktuelle Signal Iduna Park ist das Ergebnis mehrerer Bauphasen, die sich über Jahrzehnte erstrecken. Dennoch wirkt es wie ein einheitliches Bauwerk — ein Zeichen für durchdachtes architektonisches Konzept.

Die Tribünen ragen steil nach oben, was bedeutet, dass auch Zuschauer weit oben nah am Geschehen auf dem Spielfeld sind. Der maximale Abstand zwischen Tribüne und Spielfeldrand beträgt weniger als zehn Meter — ein seltenes Merkmal für ein Stadion dieser Größe.

Das Dach, das alle Tribünen überspannt, sorgt für den bereits erwähnten akustischen Effekt. Der Schall wird reflektiert und verstärkt, was die gefühlte Lautstärke deutlich erhöht.

Das Stadion im Kontext der Bundesliga

Für die Bundesliga 2025/26 ist das Signal Iduna Park als Austragungsort von besonderer Bedeutung. Auswärtsteams müssen sich auf eine Kulisse einstellen, die kaum übertroffen werden kann. Die psychologische Wirkung auf gegnerische Mannschaften ist messbar: Dortmund hat eine überdurchschnittliche Heimstärke, die direkt mit der Atmosphäre im Stadion zusammenhängt.

Auch für die Torjäger der Liga ist das Stadion eine besondere Bühne. Ein Tor im Signal Iduna Park vor 81.000 Zuschauern hat eine andere Qualität als ein Treffer in einer der kleineren Bundesliga-Arenen.

Die taktischen Aspekte der Heimspiele im Signal Iduna Park werden regelmäßig in unseren Spieltag-Analysen besprochen.

Zukunft: Investitionen und Pläne

Das Signal Iduna Park wird auch in Zukunft ein zentraler Ort des deutschen Fußballs bleiben. Regelmäßige Renovierungen und Modernisierungen sorgen dafür, dass die Infrastruktur auf dem neuesten Stand bleibt. Diskussionen über einen weiteren Ausbau oder technologische Upgrades sind Teil der langfristigen Planung.

Die Frage, ob das Stadion bei einer möglichen erneuten WM-Kandidatur Deutschlands wieder eine Rolle spielen würde, ist offen — aber gegeben die Kapazität und die Infrastruktur wäre es ein selbstverständlicher Kandidat.

Fazit: Mehr als Beton und Stahl

Das Westfalenstadion ist mehr als ein Gebäude. Es ist ein Ort kollektiver Erfahrungen, historischer Momente und gemeinsamer Emotionen. Von den ersten Spielen in den 1970er Jahren über die WM-Feste bis zu den europäischen Nächten der Champions League — das Stadion hat Generationen von Fußballfans geprägt.

Seine Geschichte spiegelt die Geschichte Dortmunds: Aufbau, Krise, Wiedergeburt. Ein Ort, der aus einer Industriestadt erwächst und ihr ein weltweit bekanntes Wahrzeichen gibt. Wer Fußball liebt und noch nicht im Signal Iduna Park war, hat ein besonderes Erlebnis vor sich.